Wie immer, wenn man sich irgendwann irgendwo beginnt einzuleben und wohl(er) zu fühlen, fügen sich die Tage unmerkbar aneinander und verschwimmen zum Alltag.
Nach ein paar Wochen stellte sich auch bei mir endlich dieses Gefühl ein, irgendwie hierher zu gehören, mir langsam meine kleine Welt in Besiktas und der Uni zu erobern, über die Unterschiede, vor allem die störenden hinwegsehen zu können und zu lernen, wie viele Dinge das Leben hier ausmachen und es wirklich spannend und schön gestalten.
Und als diese Phase erstmal erreicht war, mein Türkisch langsam Form annahm und alles so selbstverständlich wurde, dass ich von einem Tag in den nächsten rutschte, begann die Zeit zu verfliegen.
Die Hälfte meines Aufenthaltes in der Türkei ist nun ziemlich genau um.
Merkbar vor allem daran, dass mein 90- Tage- Touristen- Visum am 8.Dezember ablief, so wie es vielen ging. Das hieß: das Land verlassen, sei es auch nur, um an der Grenze den nötigen Ausreisestempel zu bekommen und nach einer kurzen “Flucht” die Türkei sogleich wieder zu betreten. Viele veranstalten gleich eine Balkanreise daraus.
Meine Freundin Katharina, mit der ich zusammen von der 11.-13.Klasse in Wettin war und die ich nach dem Abi erst hier wieder getroffen habe, und ich beschlossen, nach Bulgarien zu fahren. Die Lage Istanbuls in so geringer Distanz zu Griechenland, Bulgarien, Rumänien, Serbien und vielen weiteren Ländern, die sonst für uns so weit scheinen, mussten wir ausnutzen.
Entgegen dem Raten vieler, bloß nicht mit dem Zug zu reisen, entschieden wir uns für den Balkanexpress, der von Istanbul nach Belgrad tuckelt.
Diese Entscheidung haben wir keinesfalls bereut. Die Fahrt war lustig, teils zwar anstrengend, aber sehr nett, in einem alten Mitropa- Waggon, der seit seiner Benutzung vor 30 Jahren sicher auch nicht nochmal erneuert wurde, was man vor allem an den Matratzen und Decken sehen konnte.



Da anscheinend viele Erasmusstudenten zur selben Zeit wie wir in die Türkei eingereist waren, war unser Abteil dementsprechend voll von jungen ausländischen Studenten oder Reisenden. Ganz schnell kam eine Art Jugendherbergsstimmung auf; wir standen im Gang, mit Blick auf das nicht enden wollende Istanbul, Blick in gemütlich beleuchtete Zimmer, ein paar Wohnblocks, das Meer… und dann lernten wir sie kennen: Studenten aus meiner Uni, aus meinem Türkischkurs, Deutsche und Holländer, Amerikaner, ein Malaysier- die ersten Stunden verliefen sehr lebhaft.
Kurz nachdem wir dann endlich eingeschlafen waren, kam allerdings schon Edirne, die türkische Grenzstation.
Das bedeutete: nachts aus dem Zug aussteigen, über die Gleise und in der Kälte in einer langen Schlange auf den Ausreisestempel warten.
Da die bulgarische Grenze erst einige Kilometer später kommt, lohnte sich schlafen wieder nicht. Diesmal kamen wenigstens die Grenzpolizisten in den Zug, um die Pässe zu kontrollieren und machten, zumindest bei den Deutschen, keine Probleme. Die Pässe einiger anderer wurden allerdings erst einmal eingesammelt und landeten in der Jackentasche eines Beamten, der damit im Dunkeln irgendwo um Svilengrad verschwand. Außer den Gleisen, einem Güterzug und einem spärlich beleuchteten Gebäude sah man nichts und mindestens 40 Minuten verstrichen, bis sie die Pässe endlich zurück brachten.

Irgendwann ging es dann im völlig überheizten Zug weiter, bis wir um die Mittagszeit Sofia erreichten, nach mehr als 14 Stunden Fahrt.
Die Ankündigung, es würde unheimlich kalt werden, weil es sich ja schließlich um die höchst gelegene Hauptstadt Europas handele, bewahrheitete sich allerdings gar nicht- die Sonne schien und es war angenehm warm; so warm, dass wir ganz schön ins Schwitzen gerieten in unserer Winterkluft, als wir die Boulevards entlang liefen und unser Hostel suchten.





Dort angekommen, ruhten wir uns erstmal aus und erkundeten später im Abendlicht die ersten Attraktionen: den Aleksandr-Nevskij- Dom, der mit seinen riesigen Kuppeln und der düsteren Malerei sehr beeindruckte; die russische Kirche, in der ebenfalls lauter Kerzen dem Inneren eine ganz eigene Stimmung verliehen,… dann spazierten wir einige Boulevards entlang, vorbei an repräsentativen Bauten, Museen, Theatern und einigen Straßenmärkten. Nach dem ersten bulgarischen Essen, das uns zusammen nur 10€ kostete, warteten wir im Hostel auf Nicole & Julia, zwei Freunde, die aus Deutschland und Ungarn eintreffen sollten.
Leider lief einiges schief und Julia verpasste ganz knapp den Flug, so dass sie nicht zu uns stoßen konnte
Nicole traf nach einigen Verwirrungen nachts auf Sofias Straßen dann endlich ein.
Die nächsten Tage verbrachten wir ganz entspannend zwischen ein paar Sehenswürdigkeiten und unzähligen Cafés, denn die angekündigte Kälte hielt dann tatsächlich Einzug und es wurde wirklich richtig fröstelig. Nach einem Tag hatten wir das Gefühl, das Wichtigste gesehen zu haben. Vor allem sind es religiöse Bauten und ansonsten viel Sozialistisches oder Repräsentatives vom Staat dazu gemischt; zu viel sollte man nicht erwarten, aber für ein Wochenende war es vollkommen in Ordnung.
Da am Samstag Nikolaus war, herrschte reges Leben in den Kirchen. Nicht nur der Namenstag von vielen, sonern auch Taufen und andere religiöse Zeremonien wurden abgehalten und vor vielen kleinen Kirchen sammelten sich die Menschen, kauften Blumen und zündeten Kerzen an.




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Für den Samstag planten wir einen Ausflug ins Vitosha- Gebirge.
Da wir aber falsch aus dem Bus ausstiegen, fuhren wir lange umher und kamen immer noch nicht ans Ziel. Außerdem war es eisig kalt und eine Wanderung zum Kloster hätten wir nicht durchgehalten.
Also entschieden wir uns um und fuhren zur Boyana- Kirche, einem kleinen Kirchlein auf der UNESCO-Liste. Innen ist sie vollkommen ausgemalt mit Stationen aus dem Leben des Heiligen Nikolaus, was wohl weltweit in dieser Größe einzigartig sein soll. Um die Malereien zu bewahren, darf man sich nur zehn Minuten im Kircheninneren aufhalten. Das reichte aber auch und durchgefroren fuhren wir in die Stadt zurück.


Unser Aufenthalt zu dritt endete dann mit einem gemütlichen Abend im Hostel.
Katharina und ich hatten noch den Montag in Sofia. Wir haben vor allem handgemachte Wintersachen gekauft, die sehr schön und billig angeboten wurden; außerdem nochmals ein Café besucht, für einen guten Preis Mittag gegessen und abends ging es dann wieder zurück nach Istanbul.






Die Fahrt war wieder lustig, weil wir einige nette Portugiesen kennen lernten. Leider fiel nur die Heizung aus und die Nacht wurde fürchterlich kalt. An der Grenze gab es zum Glück keinerlei Probleme- wir Deutschen wurden sogar ohne etwas zahlen zu müssen wieder reingelassen, während die anderen teilweise 10 oder 15€ zu bezahlen hatten.









Am späten Vormittag empfing uns dann Istanbul- erst die Vororte, dann das Marmarameer mit den watenden Schiffen darin, Sirkeci, der Bahnhof.
Es war ein schönes Gefühl, wieder zurückzukommen, alles Vertraute zu sehen.
Und nach diesem Wochenende kann ich die kleinen und großen Schönheiten Istanbuls sicherlich noch mehr schätzen!
Veröffentlicht in Bulgarien: Sofia