Es wird Herbst
Nun ist auch schon der Oktober zur Hälfte um; der Herbst bricht ein und taucht die Stadt in ein goldenes Licht- vor allem schön bei den Bosporusüberfahrten!- da glitzert es zwischen den Wellen, die mit jeder Woche höher werden; und auch der Wind pfeift ganz schön. Bald wird man nicht mehr auf dem Außendeck sitzen können, denn im Winter schlagen die Wellen teilweise so hoch, dass sie einmal komplett über das Boot hinwegspülen.
Nach den ersten entspannteren Wochen, in denen alles neu war und es noch nicht so viel zu tun gab, hat der Uni- Alltag jetzt so richtig begonnen.
Und damit zum einen zwei Seminare in der deutschsprachigen Wirtschaftsinformatik- im ersten Semester eine Einführung in die Studiertechniken und im dritten Semester ein Seminar zur Interkulturellen Wirtschaftskommunikation.
Die Themen sind so komplex, dass ich mir den wichtigsten Inhalt selbst erst einmal erarbeiten muss. Und wie ich das dann Leuten vermittle, die bei Weitem nicht so ein hohes Deutschniveau besitzen, wie sie sollten, stellt sich oft als eine langwierige und sehr schwierige Aufgabe heraus.
Gerade für die ersten Stunden habe ich unheimlich lang für die Vorbereitungen gebraucht und oft erst im letzten Moment kopieren können usw.
Hinzu kam, dass die Bedingungen an der Uni alles andere als gut sind:
in einer Gruppe unterrichte ich 27, in der anderen 37 Studenten!
Außerdem sind die Seminarräume unglaublich eng; so eng, dass ich keinen Stuhl habe und meine Materialien gerade noch so auf einem Tisch unterkriege; das Whiteboard ist beschmiert und Polylux oder andere Technik gibt es auch nicht.
Ganz schön enttäuschend für eine Uni, die sich rühmt, die zweitbeste des Landes zu sein.
Das alles und vor allem die chaotische Organisation gestalten den Unterrichtsalltag sehr stressig.
Vor meiner ersten Stunde zum Beispiel kamen mehr als 30 Studenten ins Büro, die noch den Einstufungstest schreiben wollten, um zu wissen, ob sie in die stärkere oder schwächere Gruppe gehören. Dabei wurde der Test bereits zwei Wochen vor Unibeginn geschrieben und ausgewertet! In den 30 Minuten schafften wir es natürlich nicht, alle die Tests schreiben zu lassen und sie zu korrigieren. Viele wurden daraufhin in die falsche Gruppe eingeordnet und mussten in der nächsten Woche nochmal wechseln, was dann für große Verwirrung sorgte.
Von dem Gedanken, alles im Voraus planen und perfekt haben zu wollen, kann man sich also gleich trennen, das ist wohl die wichtigste Erfahrung. Denn irgend etwas kommt immer dazwischen.
Sei es, dass in den Räumen plötzlich renoviert und laut gehämmert wird, oder dass nur 2 von 37 Erstsemestern zum Seminar kommen, weil die anderen ihren Stundenplan nicht lesen können usw.
In den ersten Stunden hat mich das sehr gestresst, bis ich beschlossen habe, dass ich es so hinnehmen muss. Wenigstens lernt man, sich auf die Schnelle etwas einfallen zu lassen und verliert ein bisschen den Hang zur Perfektion, denn hier geht es sowieso nie perfekt und irgend etwas läuft am Ende doch anders, als erwartet. Ich hoffe, dass ich mit dieser Erkenntnis demnächst auch weniger in die Vorbereitung investieren werde und mehr Zeit habe, die Stadt und ihre Einwohner zu erkunden.
Neben diesen beiden Kursen in der Wirtschaftsinformatik biete ich zweimal in der Woche auf einem anderen Campus einen Förderkurs in den Vorbereitungsklassen an.
Hier funktioniert es so, dass die Leute, bevor sie das Studium anfangen, ein Jahr lang darauf vorbereitet werden, um zum Beispiel Deutsch so gut zu lernen, dass sie einen deutschen Studiengang besuchen oder Germanistik studieren können.
Das heißt, dass sie ein Jahr lang jeden Tag fünf Stunden Deutschunterricht bekommen, dann eine Prüfung absolvieren und damit evtl. zum Studium zugelassen werden.
Leider sind die Egebnisse oft nicht so gut, wie man es nach so vielen Deutschstunden erwarten sollte.
Für diejenigen, die zu Beginn der Vorbereitungsklasse schon Probleme haben, biete ich diese Förderkurse an. Zum Glück sind die Gruppen hier kleiner: 12 und 13 Leute, also optimal, um mit ihnen arbeiten zu können.
Die Atmosphäre auf diesem Campus und die Kollegen sind sehr nett. Einmal im Monat bieten sie einen didaktischen Dialog an, bei dem jeweils ein Unterrichtsphänomen herausgegriffen, bearbeitet und diskutiert wird. Gestern stand als Einleitung das Hörverstehen und die Übungserstellung zu Hörtexten auf dem Plan.
Inzwischen ist auch unser Filmabend angelaufen, den wri jetzt zweimal in der Woche durchführen wollen. Dabei geben wir eine kurze Einführung, sehen den Film und diskutieren anschließend in einem Café darüber .
Nachdem wir gestern die technischen Probleme lösen konnten (der Beamer stand nicht in dem Raum, wo er sollte; für den anderen Raum hatten wir keinen Schlüssel; nachdem wir endlich bekommen hatten und den Beamer aufbauen wollten, entdeckten wir, dass ein wichtiges Kabel fehlte, was sich aber auch nirgendwo auftreiben ließ, weil keiner mehr in der Abteilung war… ein anderer Beamer funktionierte nicht mit dem Computer; der Laptop stürzte ständig ab, der Ton lief nicht usw….. und dabei warteten schon mehr als 50 Studenten darauf, KEINOHRHASEN zu sehen!!), …. mit mehr als einer halben Stunde Verspätung konnten wir den Film dann zeigen und er kam, glaube ich, auch recht gut an.
Neben diesem Projekt organisieren wir dann noch einen deutschen Abend: Montagabend treffen wir uns in einem gemütlichen Café in Taksim und quatschen- auf Deutsch- über dies und das, was die Studenten gerade interessiert. Letztes Mal waren immerhin 7 Leute da; mal sehen, wie sich das weiter entwickelt.
Ja, so sieht es im Moment aus. Die Arbeit an der Uni und vor allem die Vorbereitung dafür nehmen den Großteil meiner Zeit in Anspruch. Zum Türkischlernen komme ich gar nicht und auch zum Weggehen selten, weil ich nach so einem langen Tag einach so geschafft bin, dass ich ganz schnell einschlafe und mich nicht mehr aufraffen kann, noch wegzugehen.
Aber trotzallem haben wir ein paar nette Abende mit guter Musik gehabt und ich hoffe einfach, dass ich mit dem Vorbereiten schneller werde und die Zeit hier ordentlich genießen kann, wie es sich für ein Auslandssemester eigentlich gehört.

Puh, Anne, das klingt ja wirklich anstrengend! Aber auch spannend! Was für eine unbezahlbare Erfahrung! Genieße es einfach, auch wenn das verrückt klingt, hihi!
Candan selamlar